29.09.07 - 11.10.07
In unserer Luxus-Suite Flandria verbrachten wir vier Tage. Zeit, um wieder alles auf Vordermann zu bringen und selbst wieder zu Kräften zu kommen. Budapest hat uns beide schon sehr beeindruckt. Mich machen diese heftigen Kontraste zwischen arm und reich immer völlig sprachlos (noch sprachloser, als man in einem fremden Land eh schon ist). Bruno dagegen zieht es magisch an und so lief er am frühen Morgen los und setzte sich zu einem Obdachlosen, der gerade nach einer kühlen Nacht seine Habseligkeiten zusammenräumte. Mit seiner Begabung, ohne große Sprachkenntnisse trotzdem zu reden, baute Bruno zu diesem Mann Kontakt auf. Dieser nahm Bruno mit und zeigte ihm die Attraktion des Tages, einen Marathon durch ganz Budapest.
Mit viel Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen radelten wir durch das sehr ländliche Ungarn weiter. Zum Zeltaufbauen am Abend mussten wir uns nur wegen der Massen an Moskitos etwas Langes anziehen. Da wir meist in Donaunähe zelteten, attackierten diese hungrigen Viecher uns, so dass wir immer schnell ins Zelt flohen und Fridolin mit der Decke bis über den Kopf gezogen, schlief.
Fridolin, der tolle Wachhund, ist von der vielen Bewegung völlig ausgelastet und verschläft vom Hirsch bis zum Wildschwein einfach alles. Am Morgen ist er dann immer ganz verdutzt, wenn sein Futter weg ist, das einem hungrigen Igel oder Fuchs vor die Schnauze geraten ist.
Auf kleinen und oft nicht befestigten Wegen ging’s dahin und oft sahen wir bis auf ein paar Hirten mit ihren Schaf- oder Kuhherden nicht viel von der Zivilisation. Komischerweise sah man uns aber irgendwie immer, denn kaum hielten wir mal an und orientierten uns kurz auf der Karte, kam schon jemand angefahren oder angesprungen. Ich muss dazu sagen, dass unsere Karte sehr gut ist und jedes kleine Kuhdorf eingezeichnet ist. Ganz zur Freude derjenigen, die die Karte nun in den Händen hatten. Denn dann ging’s los: „Ahhh das ist ja die Stadt, ach genau und da geht ein Weg, ja, ja, ach da schau her, da ist ja so und so..!“ Wir versuchten immer wieder zu versichern, dass wir schon wissen, wo wir sind und wo es weiter geht, aber die Gastfreundschaft geht über alles und so wurde uns alles genauestens erklärt. In Kroatien ging’s einmal sogar so weit, dass ein altes Ehepärchen uns wiedermal ungefragterweise den Weg zum Grenzübergang genau erklärte und uns dann losziehen ließ, aber nach fünf Minuten kam ein Auto hupend angefahren, in dem der alte Mann saß und uns im Schneckentempo den Weg zur Grenze lotste.
Das Glück stand bis jetzt immer auf unsere Seite. Irgendwie erhielten wir immer dies, was wir brauchten, sei es ein Schlosser, um die gebrochene Achse vom Hundeanhänger zu schweißen, oder ein netter Mensch, der uns in einem Moment der Erschöpfung wieder Freude schenkt.
Am Grenzübergang nach Kroatien (1521 km lagen hinter uns) waren wir beide sehr geplättet und erwarteten von der kommenden Reiseetappe nicht viel, da unser Reiseführer die Landschaft als nicht sehr abwechslungsreich beschrieb. Wir waren total müde, hungrig, eine Dusche wäre auch mal wieder angesagt gewesen und dann fing es auch noch zu Regnen an. Gleich im ersten Dorf „Dubosevica“ wurden wir von einer herzlichen Frau abgefangen, die die letzten 40 Jahre in Deutschland gelebt hat und nun ihre Mutter Ana besucht. Die gesprächige Theresa nahm uns ins Schlepptau und präsentierte uns daheim als zwei Deutsche, die zum Kaffee trinken kommen. Aus diesem Kaffee wurde ein interessantes Gespräch, dann eine Übernachtung mit Abendessen, an dem wir frisch geduscht den letzten Hauch von Anstand über Bord warfen und einfach alles verputzten was uns aufgetischt wurde, nachdem Theresa verkündigte, dass ansonsten der Hund die Reste des Abendessen bekommt. Mit einem riesigen Sack voll Walnüssen und Äpfel ließen uns Ana, Theresa und Juri am nächsten Morgen nur ungern wieder ziehen.
Besonders die älteren Weiblein haben mit mir immer unglaubliches Mitleid, weil der Weg doch sooo weit ist und das Fahrrad doch viel zu schwer für so a armes Mädle. Ich kann es immer gar nicht fassen, wenn man sich anschaut, was diese Frauen für ein entbehrungsreiches Leben und heftige Kriegsjahre hinter sich haben, dann ist damit verglichen eine solche Fahrradreise doch eine Spazierfahrt.
Der Bürgerkrieg zeigt überall noch seine schrecklichen Auswirkungen. Häuser mit Einschusslöchern, zerbombte Häuser, die verfallen, ansonsten ganz neue Häuser und unzählige Warnschilder von Landminen sind Zeichen eines schrecklichen Krieges und der grausamen Erlebnisse. Als sinnlos und von außen geschürt, bezeichnen die zwei jungen Kroatinnen Anna-Maria und Anita aus Osijek diesen Krieg. Und nun ist kein Geld mehr da, um die Landminen zu entschärfen. Die Leute werden Jahr für Jahr vertröstet, aber viel Hoffnung haben die jungen Leute nicht, da ja sogar vom zweiten Weltkrieg noch Minen herumliegen.
Mit viel bergab und bergauf radelten wir über Vukovar nach Ilok über die serbische Grenze nach Backa Palanka.
Auch im Balkan ist der Altweibersommer irgendwann mal vorbei und so hieß es bei kalten Temperaturen, viel Gegenwind und Regen die Steigungen zwischen Novi Sad und Belgrad zu bewältigen.
Nach den nassen Tagen und der dementsprechend nassen Ausrüstung war die Vorfreude auf ein trockenes Zimmer so groß, wie noch nie. Wir suchten den halben Tag und fuhren dabei viele Kilometer durch den heftigen Verkehr in Belgrad, bis wir ein ganz tolles Zimmer (ja Klaus, da wärst du gern dabei gewesen!!!) in einem Studentenwohnheim gefunden hatten. Leider wurde unsere Freude und unser unverschämter Hundeschmuggelversuch schnell wieder beendet, denn nachdem wir unsere 2 Fahrräder, den Hundeanhänger und die unzähligen Taschen die Treppen hoch geschleppt hatten, flogen wir wegen unserem treuen Begleiter und bestem Wachhund aller Zeiten nach einer Nacht wieder hinaus und die ganze Prozedur ging von vorne los!
Nun sitzen wir glücklich, trocken und wohlriechend allein in einem 14-Bett-Zimmer in einem Hostal, das so versteckt ist, dass es außer uns hoffentlich niemand findet!