Reisetagebuch Deutschlandreise

Mit dem Fahrrad, Kind und Kegel durch Deutschland

langsam aber sicher bis Leipzig

" Die Entfernung ist unwichtig, das Schwierigste ist der erste Schritt" dieser Satz begegnete uns am Wegesrand und kann als Motto unserer Reise stehen. Alle Befürchtungen und offenen Fragen, ob es möglich ist, mit einem 8-monatigen Kind auf Fahrradreise zu gehen, liessen wir zuhause und vor uns lag das Abenteurer Deutschland. Unser Antrieb, das eigene Land zu durchradeln, entstand aus dem Gefühl, schon viel von der Welt gesehen zu haben, aber das Heimatland noch viel zu wenig zu kennen.

Und so gings dahin im Schneckentempo, aber schnell genug, um dem schlechten Wetter davonzuradeln. Unsere Route hat sich durch die verschiedenen Radwege ergeben, da es in Bayern ein hervorragendes Radwege-Netz gibt. Die Wege führten oft in der Nähe von Flüssen und fernab von vielbefahrenen Straßen. Wir pedalten durch die bunten Blumenwiesen im Ostallgäu, den weiten Äckern bei Bad Wörishofen, den dichten Wälder um Augsburg, auf der "Rentnertour" durchs schöne Altmühltal, vorbei an den schönen Seen bei Nürnberg, weiter an der Pegnitz bis nach Bayreuth.

Dadurch, dass unsere Tagesetappen nie sehr lang waren, war es reines "Genussradeln" für alle. Es war sehr interessant, wie das Landschaftsbild, die Bauweise der Häuser in den Dörfern und Städten und der Dialekt der Menschen sich langsam veränderten. Die Tage vergingen wie im Flug, obwohl wir so entschleunigt unterwegs waren. Frida hat sich sehr schnell an ihr neues Leben gewöhnt. Sie beginnt mit den Vögeln in aller Herrgottsfrüh zu zwitschern und ist dann schon wieder müde, wenn das Zelt und alle Taschen fertig gepackt sind. Dann schläft sie im Wagen bis wir zum Einkaufen gehen. Das ist dann das Highlight des Tages für sie. Am liebsten geht sie in große Supermärkte, wo es Einkaufswägen gibt. Da sitzt dann Königin Frida in ihrem Wagen und lässt sich durch das Wunderland fahren, in dem alle Leute ihr zuwinken und jubeln: ach, was für ein freundlicher Bub und wie der lachen kann!

Bruno und ich sind jetzt nicht ganz so die Supermarkt-Freaks und kommen durch das viele Draußensein und das Leben in der Natur voll auf unsere Kosten. Es ist traumhaft, von den Vögeln (und der Frida) geweckt zu werden, die ersten Sonnenstrahlen zu erleben, loszuradeln und gespannt zu warten, wohin es uns nun wieder treiben wird...

Und den wollen wir nicht vergessen: den guten, alten Fridolin! Er nimmt seine Rolle als Mitglied in dieser Nomadenfamilie sehr ernst. Wenn wir packen oder die Fahrräder irgendwo hochgewalten und Frida allein dahockt, dann setzt er sich neben Frida und bewacht oder bespaßt sie. Frida jubelt, wenn sie ihn sieht, packt ihn oft voll am Fell und er sitzt nur da und guckt mit einem tiefen Hundeblick schicksalsergeben. Später kriegt Frida dann wieder die Retourkutsche, wenn Fridolin sie vor lauter Übermut umwirft und sie dann erstaunt auf dem Rücken liegt wie ein dicker Maikäfer und sich diesem Schicksal ohne Meckern hingibt.

Wenn ich vorher erwähnt habe, dass wir im Schneckentempo unterwegs waren, so wurde dieses Tempo im Fichtelgebirge nochmals unterboten. Die elendigen Steigungen auf schottrigen Wegen durch tiefe, dunkle Wälder hinterließen in uns nicht unbedingt den schönsten Eindruck vom Fichtelgebirge und wir warfen immer wieder heimliche Blicke auf die Karte, wann wir endlich das schier endlose Bayern verlassen werden. Unsere Laune hellte sich auf dem Saale-Radwanderweg wieder auf und so hörten wir auch bald in Thüringen angelangt statt dem üblichen "Grüß Gott" ein freundliches "Güden Tach".

Vorbei an Gera gings wieder weiter durch ursprüngliche Natur und unser nächster wegweisender Begleiter war die Spree. Die Dörfer, die wir durchquerten, waren teilweise wie aus dem Bilderbuch nachgebaut, aber leider hat diese Idylle auch den traurigen Hintergrund, dass es kaum junge Menschen gibt, die dort leben und arbeiten können. Seit der Braunkohleabbau zurückging gibt's nur wenig Arbeit, weshalb die jungen Leute in die Städte des Westens gezogen sind.

Hier auf den Feldern sahen wir zwar viele Arbeiter bei der Erdbeerernte, die waren aber anscheinend allesamt aus Polen und anderen Osteuropäischen Ländern.

Wir verbrachten zwei Tage in der grünen Stadt Leipzig. Der Couchsurfer Andre´ hatte extra für uns sein Zimmer geräumt und übernachtete 2 Nächte bei einer Freundin, damit wir in den Genuss eines Bettes und einer Dusche kamen. Letzteres war dringendst notwendig, da wir zum Himmel stanken und Frida aussah, als würde sie an einem Versuch teilnehmen"wieviel Dreck verträgt ein Kind". Das Bett allerdings genossen nur wir (Bruno und ich) sehr – Frida dagegen war sichtlich froh, nach den Tagen in Leipzig wieder in ihrem gewohnten Zelt zu sein und dachte sich: home, sweet home...



Über'n Spreewald nach Berlin

Bevor wir Landeier ins richtige Großstadtleben Berlins eintauchten, gab's noch eine ordentliche Portion Landleben pur. Wir machten einen Schlenker durch den Spreewald und gurkten dort auf kleinen Fahrradwegen durch das Biosphärenreservat entlang der Spree mit ihren unzähligen Armen durch lichte, grüne Mischwälder und vorbei an großen Fischweihern und sumpfigen Auen.


An einem Tag mieteten wir uns einen Canadier und paddelten durch das satte Grün. Mit dem Fahrrad hat man ja schon immer das Gefühl weg von der Zivilisation und mitten in der Pampa zu sein, aber auf so einem Boot fühlt man sich komplett draußen: nur das leise Plätschern und das Rudergeräusch im Ohr, dichtbewachsene Ufer und meist ein Blätterhimmel über sich, die einzigen Weggefährten sind Enten und Schwäne, die lautlos dahingleiten.


2 Nächte zelteten wir im Hinterhof eines schönen, alten Backsteinbauernhofes und Frida entdeckte ihre Leidenschaft für Puttchen, wie die Hennen hier genannt werden. Sie winkte mit ihren Armen wie ein aufgescheuchtes Huhn, wenn der Gockel mit seinen Damen im Anmarsch war.


Dort überraschte uns eines Nachts auch ein heftiges Unwetter. Interessanterweise ließen die ohrenbetäubenden Donnerschläge Frida selig weiterschlafen, aber eine schrille Sirene, die direkt über uns ertönte, riess uns alle hoch und Frida übertönte diese mit ihrem Schreien. Endlich beruhigt und wieder gemütlich eingemummelt, fielen wir erschöpft in den wohlverdienten Schlaf, da heulte schon wieder die Sirene schrill auf. Diesmal war nichts mehr zu machen. Frida ließ sich im Zelt nicht mehr beruhigen und wir traten zu später Stunde noch einen Spaziergang an. Als wir hundemüde zurückkamen und den dritten Versuch starteten einzuschlafen, kams uns schon vor, wie in einem schlechten Film: wieder die Sirene! Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier: Frida schnarchte unbeirrt vor sich hin, im Hintergrund die Spieluhr der Feuerwehr.


Durchs satte Grün gings weiter bis wir zu einer Straße mit dem romantischen Namen Muggelschlößchenstraße. Als wir aufsahen, ragten die Muggelschlößchen über uns: unzählige, riesige Plattenbauten. Da wussten wir: "Jetzt simmer in Berlin."





Tage in Berlin

In Berlin konnten wir für eine Woche bei Kathi unterkriechen, die gerade im sechsten Monat schwanger ist und im Moment mit ihrem Freund Jan zusammenzieht. Daher konnten wir vier in ihrer alten Wohnung hausen. In Berlin haben wir uns viel Zeit gelassen, sind am Prenzlauer Berg herumgegammelt und haben die Hauptstadt auf uns wirken lassen.


Während eines Ausflugs nach Berlin Mitte haben wir in der U-Bahn Station "Alexanderplatz" drei russische Akkordeonspieler kennengelernt. Anotoly & Anotoly sowie Andrey.

Zunächst haben wir versucht direkt an Ort und Stelle etwas ihrer Musik aufzunehmen, jedoch war das Windrauschen, verursacht durch die U-Bahn, zu stark.

Mit Hilfe von Andrey, der als Dolmetscher fungierte (die beiden Anotolys sprachen kaum deutsch) verabredeten wir uns am darauffolgenden Sonntag in Jans Tonstudio, um dort bessere Tonaufnahmen zu machen. Ein Anotoly spielte auf dem "Bajan", dem russischen Akkordeon, der andere Anotoly auf einer "Domra", einer kleinen Gitarre.

Am nächsten Tag traf ich mich nochmals mit Andrey, der meinte es sei nur schade gewesen, dass "Domra" Anotoly schon zuviel Wodka getrunken hatte, denn sonst spiele er noch besser.

Andrey ist eigentlich Unkrainer, aber meint, das mache bei den Ex-Sowjet-Staaten keinen großen Unterschied wo man herkomme, irgendwie seien sie doch alle Russen.

Das Alkoholproblem sei ein Problem vieler älterer Russen, in seiner Generation (Andrey ist 27 Jahre) sei der Alkoholismus nicht mehr so verbreitet.

Andrey hat in der Unkraine Akkordeon studiert und drei Diplome gemacht. In Deutschland werden diese Diplome aber nicht anerkannt, weshalb er nun noch ein Deutsches Diplom macht.

Den Lebensunterhalt für sich und seine Freundin, die auch Akkordeon studiert, verdient er durch die Straßenmusik. Das Akkordeon sei ein etwas undankbares Instrument, da es immer in die Volksmusikecke geschoben werde. Er mache aber hauptsächlich klassische Musik.

Um in Berlin spielen zu können, braucht er eine Genehmigung von der Stadt. Diese kostet sieben Euro am Tag und ihm wird dann eine Stelle zugeteilt, wo er sein Akkordeonspiel zum Besten geben darf. Zum Teil seien das die hintersten Ecken, wo ihn kaum jemand hört oder sieht, weshalb er dann eben oft doch unerlaubterweise an stärker frekentierten Stellen spielt.

An einem Tag können sie mit ihrem Akkordeonspiel so um die 50,- Euro verdienen.

Als ich Andrey erzählte, dass wir mit dem Fahrrad nach Berlin geradelt sind, verdrehte er die Augen und meinte: In Russland fahren nur die Fahrrad, die sich kein Auto leisten können, und die Deutschen können sich Autos leisten, fahren aber freiwillig so weit mit dem Fahrrad...


Interessant an Berlin sind auf jeden Fall die verschiedenen Stadt-Viertel.

Prenzlauer-Berg oder Friedrichshain wirkt zum großen Teil sehr alternativ nach dem Motto: Grüner leben in der Stadt. Das junge und junggebliebene Volk trägt Babys im Tragetuch spazieren, oder liegt in den grünen Parks herum und bläst Wolken blauen Dunstes in die Luft.


Wedding und Neuköln dagegen wirken eher wie normale Arbeiter-Viertel nach dem Motto: Türkischer Leben in Deutschland. Sogar die Apotheke ist zusätzlich auf türkisch mit "Eczane" ausgeschildert.


Berlin hat eigentlich kein richtiges Zentrum, da es ähnlich wie die zweitwichtigste Stadt Deutschlands, Sonthofen, aus vielen einzelnen Stadtteilen zusammengewachsen ist.

Das Regierungsviertel ist aber schon ein zentraler Punkt für die Touristen aus aller Welt. Hier kann man internationales Fotografieren in allen Posen beobachten.


Auffallend in Berlin war auch, dass viele Menschen auf uns entweder einen arroganten Eindruck hinterliesen oder sehr genervt wirkten. In den Geschäften trauten wir uns irgendwann fast nicht mehr nach irgendetwas zu fragen, da wir oft nur angeraunzt wurden. Freudiges Lachen stieß nur Frida mit ihrem zwei-Zahn-Grinsen entgegen.

von See zu See zur See

Von Berlin über die Mecklenburgische Seenplatte bis an die Ostsee

 

Am Hohenzollern-Kanal verließen wir die Stadt und wir strampelten lang vor uns hin, bis wir uns schließlich über Oranienburg wieder aufs Land hinaus hangelten. Die Zeit bei Kathi in Berlin hat gut getan, auch Frida konnte sich gut an das Leben unter einem Dach gewöhnen. Trotzdem ist so eine Stadt doch Energie-zehrend und wir waren froh wieder durch die Natur zu radeln. Bald schon gelangten wir an die ersten Seen der Mecklenburgischen Seenplatte.

 

Gerade als wir beschlossen, das sei jetzt aber wirklich die schönste Gegend durch die wir bisher radelten, bemerkten wir ein kleines, unscheinbares Schild am Wegesrand, das auf eine Mädchen-KZ- Gedenkstätte hinwies.

Das Mädchen-KZ Uckermark ist fast in Vergessenheit geraten und zumindest optisch ist viel Gras über das Ganze gewachsen. Die Mädchen und Frauen, die dieses Arbeits- und Vernichtungslager überlebten, sind zum größten Teil bis heute nicht „entschädigt“ worden und keine einzige der Lager-Aufseherinnen wurde verurteilt. Warum dies so ist...

Auf den kleinen, rostigen Tafeln ist zu lesen, dass die Frauen sich auch nach ihrer Befreiung nicht trauten den Mund aufzumachen, da sie zum Teil immer noch als sogenannte „asoziale“ entmündigt waren.

Heute erinnern nur noch ein paar Mauerreste und angebrachte Markierungen an das ehemalige Lager. Zu der Zeit, als ich durch das Gelände streifte, war außer mir kein einziger Mensch da. Dadurch wurde das ganze Äußere soweit reduziert, dass sich innerlich eine ekelhafte Vorstellung an diese Zeit entfalten konnte.

Wir sind auf einer Deutschlandreise und auch solche Orte, auf die man ungeplant stößt, sind ein Teil „typisches“ Deutschland.

 

Da es in Mecklenburg nicht erlaubt ist wild zu zelten, waren wir bei der Schlafplatzwahl etwas vorsichtiger als sonst. An einem Abend stießen wir durch Zufall auf einen Tag der offenen Tür einer Werkstatt, die sich auf alte Mercedes-Busse spezialisiert hatte. Hier konnten wir zwischen den ganzen Bus-Freaks mit ihren alten, ausgebauten Bussen unser Zelt aufstellen und kamen so noch in den Genuss von Lamm und Wildschwein am Spieß. Zwei dieser Bus-Besitzer, Wolf und Andreas, spielten am nächsten Tag vor ihren Gefährten Gitarre. Sie haben sich am Tag zuvor kennengelernt und uns erlaubt ihre Musik aufzunehmen. Wolf spielte auch noch Gipsy-Lieder auf seinem Akkordeon. Die beiden tingeln mit ihren Bussen durch Europa und machen Straßenmusik. Wolf stammt eigentlich aus Radolfzell, Andreas aus der Nähe von Stuttgart.

 

Außerdem erzählte mir ein Herr mit Spitznamen „Most“ hier die schier unglaubliche Geschichte seiner halsbrecherischen Flucht aus der DDR um 1989, und wie er erst danach feststellen musste, dass die Grenzen gefallen sind und jetzt jeder, der wollte ohne Probleme „rüber“ kam.

 

Die vielen, kleinen Kontakte am Wegesrand sind auf einer Reise genauso einprägsam wie die Landschaftsbilder, die an einem vorbeiziehen. Und wie herrlich unkompliziert ist es, wenn endlich mal keine Sprachbarrieren herrschen und man sich nach Lust und Laune mit den Leuten über den Gartenzaum festquatschen kann.

Beim Besichtigen und Fotografieren einer Backsteinkirche sprach mich eine alte Frau an, ob ich denn hier fotografiere oder Bomben lege. „Beides“ meinte ich, was sie zu beruhigen schien. Sie erzählte freudig von früher und dass es heute gerade mal zwei Kinder in ihrem kleinen Dorf gäbe. Die Jungen seien alle weg. Auch zeigte sie mir ihr Haus. Es sei ein typisches Niedersachsen-Haus mit Reetdach. Ihre Kinder haben aber kein Interesse an dem Haus, weshalb es wohl nach ihrem Tod verkauft werden soll. Sie kam als Haushälterin hierher und hat dann den Bauern geheiratet. Sie ist 87 Jahre alt und hat schon dreimal den Krebs überstanden. Wenn er jetzt wiederkomme, sei es egal, habe der Arzt gemeint, da sich der Krebs in ihrem Alter nicht mehr sehr schnell ausbreite.

 

Nach rund 1700 km kam uns eine frische Meeresbrise entgegen und wir erreichten die Ostsee. Auf der Insel Poel ließen wir uns drei Tage auf einem Campingplatz nieder und überbrückten damit die erste wirkliche Schlechtwetterphase dieser Reise.

Von Ost nach West an der Ostsee - oder, von der südlichsten Stadt Deutschlands in die Nördlichste

Auf zur letzten Etappe: am Ostsee-Radweg ging's nun entgegen aller Meinungen ohne viel Gegenwind Richtung Westen durch Wismar, Oldenburg, Kiel bis schließlich nach Flensburg. Dazwischen radelten wir lange Strecken auf kleinen Wegen, während die Ostsee rechts von uns dahin rauschte. Streckenweise wurden wir erstmals mit dem Trubel des Tourismus konfrontiert, aber auch weite Strände ohne große Menschenansammlungen luden uns zum Rasten oder Nächtigen ein. Frida war begeistert über diese riesigen "Sandkästen" und wir verwundert, wo man so alles Sand horten kann.  


Eines Abends hielten wir wiedermal Ausschau nach einem geeigneten Nachtlager und entdeckten einen Platz mit vielen Zelten. Wir dachten zuerst an ein Camp von Pfadfindern, trafen dort aber auf lauter wilde Wikinger, die uns erlaubten unser Plastikzelt zwischen all den Zelten aus Holzkonstruktionen und Planen aufzustellen. Wir wurden zu Erbseneintopf (natürlich auf Feuer gekocht) eingeladen und erlebten, wie starke Männer und eine starke Frau(!) ihre Kraft beim Zweikampf, Schwert-Vollkontakt oder Ringkampf loswurden. Die Kinder rannten und tobten über den Platz, zündelten am Feuer oder feuerten die Kämpfenden an. Als ich am Abend Frida ins Bett brachte, hörte ich im Nebenzelt, wie ein kleines Mädchen mit sanfter Stimme ihren Vater fragte: "Und Papa, hast du heute jemand umgebracht?"

Nach der ersten Verwunderung über diese Art, seinen Urlaub zu verbringen, kristallisierte sich heraus, dass neben der Begeisterung für das Leben im Mittelalter hier zwischen Groß und Klein eine Atmosphäre der Gemeinschaft und Herzlichkeit herrscht, die sehr konträr zu all der Wildheit wirkt. Wir quatschten uns bis tief in die Nacht fest und erfuhren viel über den Mythos und die Wirklichkeit des Mittelalters 8. - 9. Jahrhundert. Ulrich, der Kopf und Organisator dieses Lagers und des Mittelaltermarktes, erzählte uns am nächsten Tag farbenfroh über seinen Werdegang vom Schiffsmanager mit 5-stelligem Monatsgehalt bis hin zum Fürst und Anführer einer Wikinger-Krieger-Truppe – seine erlebnisreichen Erzählungen könnten Bücher füllen! Frida traf hier auf ihren ersten großen, ähh, eher kleinen Verehrer, den 3-jährigen Janus, der ihr mit seiner Autosammlung und einem tiefen Blick aus seiner neuen Schwimmbrille imponierte, und danach keine Anstrengung scheute und seine Angebetete im Wagen über das Gelände kutschierte.


Wir schwangen uns wieder in die Sättel unserer Stahlesel und strampelten weiter mit etwas wehmütigen Gedanken, da wir wussten, dass diese Reise nun bald dem Ende zugehen wird. Eine Tagesetappe vor Flensburg zog über uns eine dicke Regenfront mit Sturmböen auf und zeigte uns nochmal so richtig, was wir bis jetzt für schier unglaubliches Glück mit dem Wetter hatten. Es regnete in Strömen und wir zelteten auf einem Campingplatz, den wir am nächsten Tag aufgrund des Sturms und Regens nicht verließen. Nochmal ein Tag im nassem Zelt, Chaos und Dreck auf engstem Raum und ein Kind, das doch so gern auf Erkundungstour gehen würde... alle wehmütigen Gedanken waren wie weggeblasen und wir beschlossen todernst, dass wir nie wieder auf so eine blöde Idee kommen werden, mit dem Zelt und Fahrrad wegzufahren!


Am nächstem Morgen packten wir im strömenden Regen alles zusammen und strampelten wie die Ochsen gegen den Wind an, um trotzdem nur im Schneckentempo vorwärts zu kommen. Nach über 2000 km erreichten wir pitschnass die nördlichste Stadt unseres Landes, welches wir in den vergangenen 2 Monaten bruchteilhaft kennengelernt haben und in dem noch viele, viele Flecken darauf warten, entdeckt zu werden. Jetzt geht's aber erst mal per Zug wieder zurück in die Heimat, auf die wir uns unbändig freuen!

Gestaltung: www.eimotion.com © 2009 | Impressum