27.04.08 - 08.05.08
Wir verlassen Damaskus im dichten Smog und bei ebenso dichtem Verkehr Richtung Jordanien. Die vielbefahrene Strasse koennen wir bald verlassen, aber dort laueren andere Gefahren auf uns! Ca. 30 km nach Damaskus fliegt auf uns der erste Stein! Trotz aller Fassungslosigkeit reagiert Bruno blitzschnell, weicht dem faustgrossen Stein aus, wendet und radelt dem Steinewerfer hinterher. Der ca. 14jaehrige Bub flieht in einen Rohbau, wo er von einigen Arbeitern abgefangen wird und von diesen eine ordentliche Ohrfeige kassiert.
Wir koennen es nicht glauben! Was ist hier los? Kurz vor der jordanischen Grenze wandelt sich diese herzliche Gastfreundschaft in Hass und Aggression. Die Frage nach dem "Warum" beschaeftigt uns natuerlich sehr, kann aber im Moment nicht geloest werden.
Ein paar Minuten spaeter werden wir von Zivilpolizisten kontrolliert und nach unserem Vorhaben ausgefragt. Nachdem sie all unsere Daten aufgeschrieben haben, duerfen wir weiterradeln... aber nicht allein! Wir bemerken bald, dass uns zwei Mopeds verfolgen. Sobald wir halten, stopen diese auch. Es entwickelt sich ein nettes Verfolgungsspiel. Weniger nett sind die Kinder, denn wir werden erneut mit Steinen beschmissen und so langsam haben wir schon richtig Angst, wenn wir in ein Dorf radeln!
Unsere Mopedspitzel sind hartnaeckig und fahren auf eine Strecke von 40 km im Schneckentempo vor und hinter uns her. Wir befinden uns in Grenznaehe zu Jordanien und Israel. Da es schon spaet ist, wird es Zeit, einen Zeltplatz zu suchen. Wir versuchen die Mopeds abzuhaengen und biegen in einen Feldweg ab. Wir fragen einen Bauern, ob wir auf seinem Feld zelten koennen und bauen ruckzuck auf. Ein Mopedfahrer hat uns schon entdeckt, aber nichts passiert. Um 21 Uhr kommt dann unser 1. Besuch. Es ist ein Dolmetscher (der sich als Grundstuecksbesitzer ausgibt) und 3 Polizisten. Wir werden befragt, weisen uns aus und dann aber wundersamerweise in Ruhe gelassen, nachdem wir einen Zeitpunkt sagen, wann es morgen weitergeht (ein neues Rendevoux mit den Mopedfahrern). Als wir schon tief und fest schlafen, werden wir von 5 Polizisten und einem neuen Dolmetscher geweckt. Zunaechst erzaehlen sie uns irgendeinen Muell, dass sie nicht schlafen koennen, wenn wir hier draussen sind... hallo! Wir koennen nicht schlafen, wegen euren staendigen Besuchen! Das Ganze geht so weit, dass wir mitten in der Nacht zusammenpacken muessen und von der Polizei mitgenommen werden, um in einem Hotel zu uebernachten. Es ist nach 1 Uhr, als wir in dem Zimmer, das die Polizei bezahlt, alleingelassen werden. Punkt 8 Uhr stehen die Polizisten wieder auf der Matte und wir werden nun nicht mehr heimlich ueberwacht, sondern sie fahren offiziell hinter uns her. Es sind noch 15 km bis zur Grenze und die beiden wollen sich davon ueberzeugen, dass wir Syrien wirklich verlassen. Wir entschliessen, diesen Begleitschutz positiv zu nutzen und so haengen wir uns links und rechts an das Polizeiauto und lassen uns so ca. 5 km ziehen. Irgendwie wird das den beiden zu dumm - warscheinlich bangen sie um ihren Ruf in der Oeffentlichkeit: Die Polizei als Touristenschlepper. Sie werden immer langsamer, bis sie sich schliesslich verabschieden und umdrehen. Schade, war so bequem!
Als wir die jordanische Grenze erreicht haben, fragen wir uns schon, was das jetzt fuer eine Aktion war! Unsere einzige Erklaerung dafuer ist, dass in diesem Grenzgebiet zu Israel genau geschaut wird, wer sich darin bewegt und aus Angst vor Anschlaegen alles Fremde ueberwacht wird. Eine direkte Erklaerung fuer diese Ueberwachung haben wir nicht erhalten.
In Jordanien schlaegt uns erneut Hass und Fremdenhass in Form von Steinen entgegen. 2 Tage werden wir von Jugendlichen und Kindern mit Steinen beworfen, leider auch einmal an der Wirbelsaeule getroffen, aus dem Auto schreit uns einer "fuck your mother" hinterher und mir grabscht ein Halbstarker an den Hintern (und das in einem Land, in dem Maenner den Frauen nicht mal die Hand geben duerfen). Wir radeln ueber Jarash durch kleine Bergdoerfer. Die Landschaft ist wirklich traumhaft schoen, aber das Klima ist so hart und wir fragen uns immer wieder, woher diese Respektlosigkeit und der Hass auf Fremde kommt. Bei jedem Steinwurf drehen wir um, versuchen die Typen zu packen und einige Male gelingt dies Bruno auch. Es ist schwierig ohne Sprache zu klaeren, was hier los ist. Bruno zeigt den Typen, dass dies das allerletzte ist, aber schlaegt nie zurueck. Nach 2 Tagen liegen unsere Nerven aber irgendwann blank und wir haben einen solchen Zorn in uns, dass sogar ich soweit gewesen waere, zuzuschlagen. Am meisten koennt ich explodieren, wenn die Erwachsenen nur dabei stehen und sagen "Sorry... sind ja noch Babies", ohne mit diesen verrueckten Halbstarken mal ein ernsthaftes Wort zu reden.
Als wir diese Berggegend im Norden verlassen und im Jordantal Richtung Totes Meer radeln, erklaert sich in vielen Gespraechen mit unterschiedlichen Leuten dieser Hass, auf den wir gestossen sind. In diesen Bergdoerfern leben 85 % Palestinaenser, die aus Israel geflohen sind. Wir haben die Steine abbekommen, die George W. Bush gegolten haetten. Die Bevoelkerung hat einen unglaublichen Zorn auf alle, die Israelis oder Amerikaner sein koennten. 2 Tage zuvor sei eine Palestinaensische Mutter mit ihren 4 Kindern bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen. Die israelische Regierung meint dazu "Sorry, dass wir sie getroffen haben". Gewalt ist hier etwas Alltaegliches.
Im Nachhinein muessen wir sagen, dass es sehr einpraegsam war, wie schnell man in so eine Gewaltspirale hineinkommt, in der die eigene Aggression und die Bereitschaft, auch mal zuzuschlagen, immer mehr waechst. So entstehen Kriege...!
Am Toten Meer lassen wir uns wie die Korken auf der Wasseroberflaeche dahintreiben. Sehr nett war auch zu beobachten, wie so viele Moslems (die Frauen in voller Bkleidung mit Kopftuch, sogar in diesem Wasser, indem man gar nicht untergehen kann, nicht schwimmen koennen.
Da nicht nur das Tote Meer tot ist, sondern auch die Umgebung wie ausgestorben, koennen wir unsere Lebensmittel- und Wasservorraete nicht mehr auffrischen. Wir trampen mit all unserem Hab und Gut die letzten 200 km bis zum Roten Meer. Dort angekommen ist erstmal nur Ruhe, Schwimmen und Faulenzen angesagt. Nach zwei Tagen fuehlen wir uns wieder besser und wir beschliessen, die Wueste Rum zu Fuss zu erkunden. An uns ziehen zahllose Jeeps vorbei, die "adventure-trips" anbieten. Fernab vom "adventure" zieht in uns die Ruhe der Wueste mit all seiner kargen Schoenheit ein. Wir hatschen 3 Tage lang umher, schlafen unter einem wunderbaren Sternenhimmel und kommen schliesslich wie "gedoerrte Zwetschgen" wieder in die Zivilisation zurueck.
Nun sind wir in Aqaba und machen uns schlau, wie es mit der Faehrverbindung nach Aegypten ausschaut.