Die Odyssee der Heimfahrt

14.02.08 - 18.02.08

Mitte Januar 2008 war der Zeitpunkt erreicht, zu dem wir uns um meine Heimfahrt nach Deutschland kümmern mussten.

Ich habe im Februar insgesamt 12 „CUBA libre?“ Dia-Shows im Süddeutschen Raum zu zeigen.

Da der Fridolin mit mir nach Deutschland sollte, war vor allem wichtig eine Rückreisemöglichkeit zu finden die auch den Fridel „sicher“ über die Grenze in die EU bringt.

Mit dem Flugzeug war dies leider nicht möglich. Denn so wäre Fridolin gleich am Deutschen Flughafen für 3-4 Monate in Quarantäne gewandert.

Neben dem Hund in der Transportbox war ich noch mit ca. 25kg Gepäck beladen, von dem wir uns trennen wollten um Ballast ab zu werfen.

Also entschloss ich mich am Montag den 14.01.2008 erst mal mit dem Bus nach Istanbul zu fahren um mich von dort nach einer Landverbindung nach Deutschland um zu sehen.

In Silifke haben wir Fridolin in den Gepäckraum des Busses gepackt und Manu und ich haben uns kurz und schmerzvoll voneinander verabschiedet.

Meine Schuhe waren lange Zeit in Fridolins Hundeanhänger und irgendwann muss er da mal hin markiert haben.

Jedenfalls rochen meine Schuhe nach Hundepisse. Ich wurde deshalb im Bus von einer Rumänin mit Parfüm besprüht.

Istanbul war in ca. 14 Stunden erreicht.

Es gibt einige Busunternehmen die direkt von Istanbul nach Deutschland fahren, aber genau diese Unternehmen wollten keinen Hund mitnehmen.

Also verbrachte ich erst mal einen Tag und eine Nacht in Istanbul auf der Suche nach einem Bus, wenigstens bis Rumänien.

Am Mittwoch nahm mich dann ein türkisch-rumänisches Busunternehmen bis nach Bukarest mit. Waerend der Fahrt wurden von der Bus-Hostess die Fahr-Tickets wieder eingesammelt und es fand eine Verlosung statt.

Die Gewinner hatten die Ehre und durften im Gang des fahrenden Busses zu rumaenischen Popsongs tanzen. Natürlich hoffte ich, dass mein Ticket nicht gezogen würde, und dem war auch so.

Aber als einziger nicht Rumaene oder Tuerke musste auch ich schliesslich mittanzen. Die beste Taenzerin gewann eine Freifahrt bei diesem Busunternehmen. Ich gewann eine Schachtel Pralienen.

Übers Internet wusste ich, dass von Bukarest ein Bus um 5.00 Uhr früh direkt nach Ulm fahren sollte.

Der Bus aus Istanbul kam um kurz vor 3.00 Uhr in Bukarest an, also blieben mir noch zwei Stunden um zum anderen Busbahnhof zu gelangen, von wo der Bus nach Ulm abfahren soll.

Die Taxifahrer sahen in mir jedoch nur den wohlhabenden Deutschen, den man nicht für den regulären Preis mitzunehmen braucht. Ich hatte aber nur noch ein paar rumänische Lei und türkische Lira akzeptierte keiner. Schließlich ließ sich dann doch ein Taxi finden und froh über den Lauf der Dinge marschierten Fridel und ich in das Büro des rumänisch deutschen Busunternehmens.

Es gäbe evtl. noch einen Platz nach Ulm ich solle warten. Als sie dann aber Fridolin entdeckten, schüttelten sie den Kopf und meinten Haustiere müssen von der Geschäftsleitung mindestens fünf Tage vor Abreise genehmigt werden.

Ich solle es am Zugbahnhof versuchen. Im Gegensatz zur Türkei dürfen in Rumänien Hunde mit dem Zug fahren.

Also wieder ein Taxi finden, dass mich für den regulären Preis zum Bahnhof fährt. Erstaunlich schnell fand sich ein Taxifahrer, der versprach nur nach Taxameter abzurechnen. Im Taxi sitzend sah ich aber gleich das auf dem Taxameter schon nach ein paar hundert Metern ein Preis zu lesen war den ich zuvor für ca. 10 km bezahlt hatte. Ich bat ihn sofort anzuhalten, da ich diesen Preis nicht bezahlen könne und wolle. Er hielt auch gleich an, wollte aber für die paar hundert Meter trotzdem den vollen Preis. Ich gab ihm die Hälfte worauf er mich auf rumänisch zu beschimpfen begann. Ich beschimpfte ihn darauf hin auf Allgäuer-Dialekt. Zornig bespuckte mich der Taxifahrer ein paar mal und ich machte mich auf die Suche nach einem „normalen“ Taxi.

Ein fairer Taxifahrer fuhr mich zunächst zu einem Bankautomaten und dann zum Bahnhof.

In der Bahnhofshalle war um mittlerweile 4.30 Uhr früh kaum ein Mensch.

Nur 6 Zigeunerburschen zwischen 12 und 16 Jahren umringten mich sofort und fingerten ständig an Fridolins Käfig herum.

Ich versuchte sie mit meinen paar Brocken rumänisch zu vertreiben, was einen Bahnhofs-Security dazu veranlasste, mich aus der Halle zum Schalter zu begleiten. Dann ging alles viel zu schnell:

Meine Geldbeutel-Kette zuckte, meine Hand griff reflexartig an meine Gesäßtasche, fand diese leer vor, mich umdrehend sah ich hinter mir sechs Zigeuner-Jungen die mich blöd angrinsten.

„Mein Geld, Die haben mein Geld gestohlen!!!“ rief ich dem Security zu. Der mich auch nur verdutzt ansah. Die Jungs zuckten nur mit den Schultern und grinsten weiter.

Drei konnte ich mit meinen abgespreizten Ellbogen an eine Säule schleudern, aber nur zweien konnte ich abwechselnd meine Fäuste ins Gesicht schleudern.

Noch nie habe ich so besinnungslos einem Menschen ins Gesicht geschlagen.

Die Burschen glaubten auch irgendwann einen echten Berserker vor sich zu haben, verloren ihr grinsen und zeigten irgendwann ängstlich auf zwei der Burschen die sich langsam zum Ausgang hin bewegten.

Mit meinen Taschen um die Schultern hängend nahm ich die Verfolgung der beiden auf.

Vor dem Bahnhofsgebäude trennten sich die beiden Typen und liefen in verschiede Richtungen. Ich lief dem hinterher auf den der andere zeigte. Auch dieser ist mir aber durch ein Baustellengitter entwischt.

Mit einem unglaublichen Sausen, und Blitzen in meinem Hirn, lief ich wie in Trance zurück in die Bahnhofshalle:

.....Geldbeutel weg, ...was heißt das um 4.30 Uhr Früh in Bukarest?... Geld weg,... Personalausweis weg,... und das aller schlimmste, EC-Karte weg und keine einzige Münze mehr in meinem Besitz. Nicht einmal das Geld für ein Taxi zur deutschen Botschaft.

In der Bahnhofshalle schnappte ich mir erst mal den Security am Kragen, schüttelte ihn und schrie ihn an, warum er mir nicht geholfen habe.

Dann bekam ich einen Nervenzusammenbruch und lag japsend und heulend ein paar Minuten auf dem Boden, blöd begafft von einigen Securities die sich mittlerweile um mich versammelt hatten.

Ein Passant rief mit seinem Handy die Polizei, meinte aber gleich, dass die nicht viel unternehmen werde. Er sollte auch recht behalten. Der Polizist der ca. 45 Minuten später auftauchte fragte mich nur wie er mir helfen könne, und was ich glaube was er nun unternehmen solle. Er war mehr an meiner Herkunft interessiert, als an dem Diebstahl.

Glück im Unglück! Irgendwann kam ein alter Roma daher, der meinen Geldbeutel in Händen hielt und mir überreichte.

Das Geld (ca. 200 Euro) war zwar futsch, aber meine EC-Karte war noch drin!!!

Was für eine Rettung! Nicht Tage lang ohne Geld in Bukarest rumhängen und irgendwelche Möglichkeiten suchen müssen an Geld zu gelangen. Sondern einfach nur an den Nächsten Bankautomaten gehen, Geld abheben und gut!

Der Polizist gab mir Begleitschutz zum Automaten, zum Schalter und dann noch bis zum Zug. Er schaute dabei in Seelenruhe, zu wie ein Kofferträger mir für 100 Meter Gepäcktransport, 15 Euro abknöpfen wollte. In Bukarest sei nichts gratis, meinte er nur. Mir war alles egal. Ich war froh ein Zugticket für ein Schlafabteil in einem Zug von Bukarest nach München zu haben.

Von der ganzen Aufregung hatte ich durchfallartige Blähungen welcher ich mich erst mal in der erstaunlich sauberen Zugtoilette entledigen wollte.

Beim Händewaschen hörte ich neben mir in der Kloschüssel das Gurgeln und Sprutzen der Vakuumspülung. Diese Spülung war wohl mit meiner Befüllung heillos überfordert und spuckte deshalb in einer hohen Fontaine den ganzen Inhalt wieder aus. Mich in einem üblen Traum vermutend, wusch ich mir ein zweites mal die Hände und die Kloschüssel spritzte ein zweites mal ihren Inhalt um sich. OK, Bruno,... ganz ruhig,... Mach erst mal den Klodeckel runter, damit du nicht ein drittes mal bespritzt wirst und versuch‘ dich dann am Waschbecken und mit feuchten Tüchern zu reinigen.

Doch Sprutz... und die Kloschüssel haut mir eine dritte Ladung durch den schmalen Spalt zwischen Kloschüssel und Deckel an die Knie, von wo es mir dann bis runter auf die Schuhe läuft.

Was sollte nun schon noch passieren?

-Nach Hundepisse stinkend, ...angespuckt, ...ausgeraubt und angeschissen. Übler kann‘s doch nicht mehr kommen!?

Nach ca. sechs Stunden Busfahrt lies mich der Schaffner wissen, dass wir am nächsten Halt in Timisoara 3 Stunden Aufenthalt haben da der Zug umgekoppelt wird. Ich solle mir mit dem Hund doch die Beine vertreten. Um 16.20 Uhr ginge es dann auf Gleis 1 weiter.

Ich nutzte die Zeit um Manu, die von Silifke aus versuchte nach Zypern zu gelangen, alles passierte in einer E-mail zu schreiben.

Um 15.45 war noch kein Zug auf Gleis eins, also kehrte ich um 16.15 wider dorthin zurück.

Der Zug der auf Gleis eins stand. gab in diesem Moment schon Vollgas und fuhr mit meinem ganzen Gepäck auf und davon in Richtung rumänisch-ungarischer Grenze. Die Frau am Schalter meinte der Zug sei heute eben schneller fertig gewesen, ich könne ja Versuchen ihn mit dem Taxi bis zum nächsten Stopp wieder ein zu holen. Also raus aus dem Bahnhof in ein Taxi rein und Vollgas ab zur nächsten Haltestelle meines Zuges.

Der junge Taxifahrer schien bereit sein Leben zu opfern, um mich rechtzeitig dorthin zu bringen. Ob ohne oder mit Gegenverkehr, der Typ überholte alles was uns im Wege war. Er hatte ein Gasbetriebenes Taxi und immer wenn er Vollgas gab, starb der Motor ab und ein Warnton begann zu piepen. Das passierte dann immer während eines halsbrecherischen Überholvorgangs.

Immerhin erreichten wir die Haltestelle drei Minuten bevor mein Zug dort abfahren sollte. Ich rannte auf den Bahnsteig, wo mich Gleisarbeiter verwundert anschauten.

Mein Zug würde hier gar nicht halten sondern einfach nur durchfahren und erst an der Grenze das nächste mal Stoppen. Das war mit dem Taxi nicht mehr zu schaffen. Meinen schönen Schlaf-Zug konnte ich also abschreiben.

Per Funk wurde der Schaffner meines Zuges angewiesen, mein Gepäck an der Grenze der Polizei zu übergeben.

Mit dem Taxi fuhr ich dann zur Grenze, nahm mein Gepäck in Empfang und konnte dann nur noch mir einem Bummelzug nach Budapest fahren.

Dort gab es erst am nächsten Tag Anschluss nach Wien. Von Wien nach Salzburg und von dort nach München.

Im biederen, sicheren, Wien angekommen freute ich so unglaublich über die „deutsche“ Spießigkeit und Korrektheit dieses Landes, dass mir Freudentränen in den Augen standen. Wieder mal in einer Art Trance, strahlte ich alle Menschen im Bahnhof mit einem breiten ehrlichen Grinsen an.

Jetzt im Nachhinein erscheint mir dies als die unglaublichste Geschichte, die mir auf dieser Reise bisher widerfahren ist, weshalb ich sie hier auch so ausführlich beschrieben habe. Man lernt so eben das zu schätzen, was einen im Alltag oft nervt und übertrieben erscheint.

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