09.04.08 - 26.04.08
Erneuter Start in Iskenderun Richtung Syrien!
Nach all der Aufregung mit dem Visa und den langen Aufenthalten in Staedten wird es fuer uns Landeier Zeit, wieder im Freien zu schlafen, von Vogelgezwitscher geweckt zu werden, um dann frei wie die Voegel dahinzuziehen.
Wir radeln von Iskenderun an der Kueste entlang nach Samandagi und werden mit einer traumhaft schoenen und sehr ruhigen, wenig besiedelten Kuestenlandschaft verwoennt. Kleine Strassen schlaengeln sich von Samandagi durch die saftiggruene Berggegend, die die Tuerkei und Syrien verbindet. Nach 3 Tagen Radeln verlassen wir schliesslich die Tuerkei, die uns mit so vielen Eindruecken gepraegt hat. Der tuerkische Grenzbeamte beanstandet das Fehlen des Einreisstempels, aber dank des Polizeiberichts erhalten wir den Ausreisestempel und steuern das syrische Grenzbuero an, um stolz unser Visum zu praesentieren. Warum wir so bloed vor uns hin grinsen, kann hier wohl niemand nachempfinden.
Die schoene arabische Schrift und der so fremde, kehlige Klang der Sprache macht uns zu sprachlosen Analphabeten und wir werden uns freudig bewusst, dass wir nun den Orient erreicht haben.
Zunaechst radeln wir ueber Kassap durch die Berge Richtung Kueste (Al Basit und weiter nach Latakia). Wir meiden die grossen Strassen und kommen so durch kleine Doerfer, in denen sich das ganze Leben auf der Strasse abspielt. Die Landschaft ist (entgegen unserer Erwartung) entlang der Kueste sehr gruen. Wir sind ueberwaeltigt von so vielen neuen Eindruecken, sehr speziellen Geruechen, fremden Gesichtern und Manieren, die wir noch nicht einschaetzen koennen.
Die anfaengliche Freude ueber all das Neue und Fremde wechselt aber irgendwann in ein Geplaettetsein. Wir haben das Gefuehl, dass unsere inneren Speicher voll sind und wir nun nichts Neues mehr aufnehmen koennen. Ausserdem sind wir es leid, immer Fremde zu sein und als solche oft mehr bezahlen zu muessen, in Doerfern und Staedten umringt oder sogar befingert zu werden. Die Sonne, die unbarmherzig vom Himmel knallt, tut ihren Teil dazu, dass wir japsend im Schatten "flacken" und uns ins kuehle Allgaeu traeumen. Alle Reserven sind aufgebraucht und es ist Zeit, innezuhalten und zu ueberlegen, was uns wieder Energie geben kann. Unsere groesste Staerke ist die Liebe zueinander und so ziehen wir uns gegenseitig mit vielen Gespraechen aus diesem Tief. Wir haben die Freiheit, an jeder Lebenslage etwas zu aendern; wir koennen in einen Bus steigen und nach Damaskus fahren; wir koennen auch ins naechste Flugzeug steigen und heimfliegen... aber wir entschliessen uns, weiterzuradeln.
Wir kommen ins Landesinnere an Homs vorbei in eine Wuestenlandschaft, deren Kargheit Ruhe in uns ausbreitet. Wir aendern unseren Tagesrythmus und nutzen die Morgen- und Abendstunden zum Radeln und die heissen Mittagsstunden zur Siesta. Die Gastfreundschaft in Syrien ist wohl mit nichts mehr zu uebertreffen. In jedem Dorf erklingt "welcome" oder die syrische Steigerung "very welcome, very welcome!", oft die einzigen englischen Worte. Viele Stunden verbringen wir in den einfachen Haeusern der Leute und wuenschten, wir koennten soviel arabisch wie diese englisch. Aber auch unzaehlige Einladungen schlagen wir aus, was manchmal nicht einfach ist. Den meisten Syriern ist es sehr wichtig, dass Fremde sich in ihrem Land wohlfuehlen. Ich moechte betonen, dass dies nichts mit dem Wunsch oder der Frage nach Geld zu tun hat. Die Gastfreundschaft ist allgegenwaertig und zeigt sich oft in kleinen Gesten. Wir standen einmal bei unseren Raedern und assen Falafel. Ein gehbehinderter Mann, der Lose verkaufte, sah uns und brachte seinen Stuhl. Wir weigerten uns, aber er blieb hartnaeckig! Und so setzten wir uns, waehrend er stehend seine Lose verkaufte.
Die vielen Eindruecke arbeiten in uns und wir machen uns viele Gedanken zu den verschiedenen Lebensformen und zum Thema Armut. In der Grenznaehe zum Libanon radeln wir durch eine Wuestenlandschaft, in der die felsigen Berge im Abendlicht leuchten und nur Nomaden mit ihren Schafen zu sehen sind. Die Doerfer dagegen sind gruene Oasen, in denen sowohl Moscheen als auch Kirchen zu sehen sind. Wie wichtig war diese Gegend vor langer Zeit! Drei grosse Weltreligionen haben hier ihre Wurzeln. Der Islam, das Judentum und das Christentum.
Da wir in der Naehe von Maa Lula ziemlich hoch sind, werden wir durch die langen Gefaelle und den herrlichen Rueckenwind ruckzuck ins wilde Treiben des tiefergelegenen Damaskus gespuelt. Nun folgt das totale Kontrastprogramm: Wildes hin und her auf der 2spurigen Strasse, die 4 bzw 5spurig genutzt wird, staendiges Gehupe von allen Seiten und das Rennen der unzaehligen Kleinbusse, die das Ziel haben, unbedingt als erster beim naechsten Kunden zu sein, koste es, was es wolle! Wir geben auch so richtig Gas; die einzige Moeglichkeit, in diesem Strom mitzuschwimmen.
Fuer 1 Woche goennen wir uns den Luxus eines Zimmers, um in den orientalischen Charme von Damaskus eintauchen zu koennen. Die Stadt ist ein einziger grosser Bazar: an jeder Ecke kleine Laeden, Falafel-Verkaeufer, Strassenhaendler, Araber, die bei einem Tee zusammensitzen und dazu Wasserpfeife rauchen, Staende, in den Gewuerze in grossen Saecken verkauft wird... Viele Gassen sind sehr eng und so ohne Verkehr.
Wir freuen uns riesig, als wir ein paar europaeische Gesichter sehen. Wir winken und rufen den Rucksackreisenden zu. Diese sind total verstoert und bringen gerade mal ein "hello" ueber die Lippen. Irgendwann wird uns klar, dass diese Reisenden an
dem Anblick von anderen Reisenden nichts besonders abgewinnen koennen... wir hingegen haben schon seit Monaten nicht
mehr soviele Reisende gesehen. Herrlich, wie anonym man in einer solchen Stadt ist!
Mit zwei sehr sympatischen Franzosen erleben wir gemeinsam eine herrliche Geschichte, die dieses Behoerdensystem uns ein wenig naeher bringt. Wir wollen unser Visa verlaengern lassen. Da diese Visageschichte ja schon etwas kompliziert ist, wollen auch diese Beamten uns ein bisschen auf die Folter spannen und wir erleben einen hier wohl alltaeglichen Behoerdengang. Im Buero fuer Visaangelegenheiten werden von einem Beamten unsere Reisepaesse kritisch begutachtet und er schickt uns los, diese zu kopieren und erklaert uns netterweise, dass wir gleichzeitig noch ein Formular besorgen muessen, wie auch eine Marke, die es aber wieder wo anders gibt. Wir rennen in einen Laden, machen eine Kopie, rennen weiter, besorgen die Marke und rennen noch schneller, damit diese Marke nicht an unseren verschwitzten Fingern kleben bleibt, zum Formulargeschaeftle. Mit all den Zetteln gehts wieder hoch ins Buero. Die Spannung steigt, denn inzwischen sind
schon mehr Teilnehmer am Parcour beteidigt und wir sind ihnen in Sachen Draengeln eindeutig unterlegen. Der Beamte schaut sich all unsere Zettelwirtschaft an und schickt uns weg, denn wir muessen unsere Namen daraufschreiben. Wir erledigen dies und schnell wieder zurueck. Kritscher Blick; schickt uns ins naechste Kapuff: kritscher Blick; Stempel; wieder zurueck; kritscher Blick; handschriftlicher Uebertrag in ein grosses Buch; Gerenne ein Stockwerk hoeher, um dort eine Unterschrift zu holen... ich will euch die naechsten 5 Stationen ersparen, aber es bleibt spannend bis zum Schluss, bis der Konsulat persoenlich, ein ernster, wuerdevoll dreinblickender Araber mit Turban auf dem Kopf feierlich den Stempel in den Reisepass drueckt. Geschafft!
Wir werden die naechsten Tage noch hier in Damaskus bleiben und danach radeln wir in Richtung Jordanien... solang bis die Sonne uns niederstreckt!