Zypern

14.01.08 - 06.03.08

Lang ist es her, dass ihr was zu lesen bekommen habt, aber nun kommt der komplette Zypernbericht!

Begonnen hat alles nach langem Bibbern und schliesslichem Aufatmen, als Bruno und der Fridolin sicheren Allgaeuboden unter ihren Fuessen hatten.

Eine Faehre brachte mich von Tasucu, einem Dorf auf dem tuerkischen Festland, nach Keryneia (tuerkisch Girne) im tuerkischen Nordzypern. Eine Nacht auf dieser Faehre liess mich miterleben, was auf tuerkisch "leiden" bedeutet, denn einige aeltere Damen waren seekrank und waehrend sie ihre Mageninhalte in Plastikbeutel befoerderten, gaben sie Geraeusche von sich, wie wenn die Presswehen eingesetzt haetten. Ich war ganz offensichtlich die Einzige, die das beunruhigte, denn alle anderen schnarchten friedlich vor sich hin. Als ich den tuerkischen Omas aus meiner Reiseapotheke Globoli herauskruschtelte und anbot, schriehen sie auf, als haette ich ihnen in ihrem Leid auch noch Drogen unterjubeln wollen.

Gegen Mittag war es dann soweit, dass ich mich nach strenger Grenzkontrolle in Girne voller Aufregung und Vorfreude auf die kommende Zeit des Alleinreisens in meinen Drahteselsattel schwang. Was wird mich erwarten auf dieser Insel? Zypern ist durch eine Grenze, die ueber die ganze Insel verlaeuft, in das tuerkische Nordzypern und das griechische Suedzypern unterteilt. Klare Info's ueber Grenzueberquerungen bekam ich nicht und die Meinungen der Moeglichkeiten gingen sehr auseinander.

Eigentlich wollte ich die Insel einmal umradeln, d.h. sowohl den tuerkischen als auch den griechischen Teil erkunden. Ob das so moeglich ist, konnte mir niemand sagen und ich beschloss es einfach mal zu probieren. Einziger Zeitplan: Anfang Maerz wieder in Girne sein, denn dorthin will Bruno mit Sack und Pack kommen, um dann wieder gemeinsam weiterzureisen.

Meine Route fuehrte mich zunaechst in den einsamen Osten (Kloster Apostolos Andreas). Im tuerkischen Teil fuehlte ich mich "heimisch": Jeden Morgen der vertraute Gesang des Muezzins, der bei mir nicht zum Gebet rief, sondern zum Kaffeekochen; die direkte und freundliche tuerkische Art und auch die Moeglichkeit, mit meinen paar Tuerkischbrocken Pluspunkte zu machen.

Landschaftlich war ich sehr angetan von den wunderschoenen Felskuesten und dem huegeligen Land mit den knorrigen Olivenbaeumen, unter denen Ziegen und Schafe weideten. Im Winter ist es zwar ziemlich karg und trocken, aber diese Ruhe, die das Land ausstrahlte, tat mir gut. Auf Sandpisten radelte ich tagelang durch das Gestruepp und der Wildnis des Ostens, wobei die einzigen Lebewesen, denen ich begegnete, wilde Esel und Ziegen waren. Und diese waren nicht unbedingt sehr kommunikativ und so verliess ich mich mangels praeziser Karte und ausgepraegtem Orientierungssinn voellig auf mein Gefuehl und dem Vertrauen, im woertlichen als auch im uebertragenem Sinn, schon auf dem richtigen Weg zu sein. Nachdem alle Vorraete weggegessen und auch die Dose voller Wuerfelzucker weggelutscht war, wurd's dann aber echt mal Zeit, wieder in die Zivilisation zu finden. Und prombt landete ich wieder auf einer Strasse.

In den Doerfern erregte mein Erscheinen das Interesse bei Alt und Jung und wenn ich von meinem Vorhaben erzaehlte, stiess dies auf absolutes Unverstaendnis und Kopfschuetteln. Die muss verrueckt sein, freiwillig allein durch die Pampa zu radeln - und der Mann muss voellig verrueckt sein, dass er das erlaubt!

Die erste Grenze erwartete mich nach Famagusta. Wie ich dorthin radeln konnte, wusste niemand so genau. Meine Karte hatte nur die Doerfer und Strassen des tuerkischen Teils eingezeichnet und genauso muss das Bild auch in den Koepfen der tuerkischen Bevoelkerung sein, denn schliesslich duerfen sie nicht ueber diese Grenze. Ich fand den Grenzuebergang dann doch, passierte ihn ohne Probleme und landete in der british area. Unglaublich, wie eine Grenze das ganze Landschaftsbild so komplett veraendern laesst. Hier war eindeutig "Klein-England". Ueberall englische Geschaefte, englische Schilder, adrette Haeuser mit gepflegten Vorgaerten - aber alles hinter einem hohem Sicherheitszaun.

Entlang der greenline radelte ich mit einem beklommenem Gefuehl in der Magengegend. Die Schilder wiesen staendig darauf hin "Achtung! In weniger als 50 Meter ist die tuerkische Grenze" und ein Blick nach rechts zeigte einen Zaun und alle 100 Meter Wachtuerme mit bewaffneten Soldaten, die mir zwar oft freundlich zuwinkten, aber meine Beklemmung nicht nehmen konnten. Es daemmerte und ich brauchte einen Zeltplatz, aber diese Gegend war so flach und wunderbar ueberschaubar.

An einem Dorfrand liess ich mich nieder und mir wurde so langsam bewusst, wie heftig die Situation eigentlich ist. Fuer Auslaender ist es ueberhaupt kein Problem und die Insel ist eine wunderschoene Mittelmeerinsel mit angenehmen Temperaturen. Aber darueber liegt wie ein Schatten die Zypernfrage. Peter, ein ca. 60jaehriger griechischer Zypriot, hat mir seine Geschichte erzaehlt, wie er 1974 aus Nordzypern vertrieben worden ist und sein ganzes Hab und Gut verloren hat. Selten habe ich eine so offene und weitblickende Meinung gehoert. Er meint, der tuerkischen Bevoelkerung gings doch damals auch nicht anders und jetzt nach ueber 30 Jahren haben sie natuerlich Angst, wieder alles zu verlieren. Die Grenze mit der UN-Bufferzone haelt beide Bevolkerungen auseinander, ein Miteinander ist nicht moeglich, Wut und Unverstaendnis wachsen.

Ich brachte als alter Regenmacher ein wunderbares Gastgeschenk mit auf diese trockene und unter Wassermangel leidende Insel: einige Tage Regen. Dies loeste Feiertagsstimmung unter den Leuten aus - und ich freute mich mit und goennte mir ein Zimmer in Larnaka.

Simone hatte sich kurzentschlossen angekuendigt mit mir eine Woche das Leben mit dem Fahrrad und im Zelt zu teilen. Von Larnaka zogen wir gemeinsam fuer eine Runde an der Kueste und durch die Berge los und Simone strampelte tapfer mit dem vielen Gepaeck. Und es gibt doch nichts Schoeneres, als am Morgen gemeinsam im Zelt zu liegen und bei einer wunderbaren Tasse Kaffee (Simone war ganz entsetzt, wie man dieses braune Gebraeu als Kaffee bezeichnen kann!) den neusten Tratsch & Klatsch auszutauschen. Mein Wissensdurst und Redeflash war noch lange nicht gestillt, da war die Woche schon wieder um. Simone flog zurueck und nahm unverschaemterweise die Sonne mit ins Allgaeu!

Von den kalten Temperaturen liess ich mich nicht beeindrucken und radelte in das saftig gruene Troodosgebirge, dessen Gipfel schneebedeckt waren. Durch riesige Waelder führen unzaehlige kleine Wege und wieder beeindruckte mich diese Stille, die nur durch Vogelgezwitscher unterbrochen wird. Die Naechte waren kalt, aber was für ein Anblick, wenn am Morgen die Sonne den Rauhreif glitzern laesst.

Wiedermal hatte ich die richtige Zeit erwischt, denn vor dem grossen Schneesturm war ich in Pafos, einer Stadt an der Kueste.

Die Akamas-Halbinsel im Westen von Zypern hat mich dann mit Sonnenschein und traumhaften Kuesten verwoennt. Das Wasser war glasklar, die Felsen leuchteten rot im Abendlicht und meine Zeltplaetze waren so idyllisch, dass ich es schon schier nicht mehr aushielt, all die Schoenheit mit niemand teilen zu koennen. Der Fruehling kommt in grossen Schritten und ich versteckte oft mein Fahrrad und zog so zu Fuss über die weiten bluehenden Huegel und liess mich von dem Duft der Blumen betoeren.

Nach soviel Kuestenschoenheit und entspannten Tagen radelte ich bei Polis nochmal fuer einige Tage in die Berge und verausgabte mich so richtig. Da man tagelang durch die Berge radeln kann, ohne in ein Geschaeft zu kommen, war mein Aufenthalt immer dann beendet, wenn die Gepaecktasche mit Lebensmittel leergemampft war. Und als ich von den Pafoswaeldern zur Kueste fuhr, war nicht nur die Tasche leer, sondern ich war auch echt ausgepowert und die Vorderbremse gab mir deutlich zu verstehen, dass sie keinen Bock mehr auf die Berge hat, da die Hinterbremse den Geist aufgegeben hatte und sie allein eindeutig ueberfordert war, die Massen an Gewicht abzufangen.

So radelte ich bei Kato Pygros Richtung Grenze und freute mich auf ein paar lockere Radeltage entlang der Kueste bis nach Girne. Ein junger Grenzer fing mich mit dem Satz ab "Hier gehts nicht weiter - da kommt der tuerkische Teil!" Ich entgegnete, dass ich vom tuerkischen Teil komme und wenn ich da herkomme, muesse ich doch auch wieder zurueckkoennen. Dieser Logik konnte er nur zustimmen und er oeffnete mir die Schranke. Sehr verdutzt über sein schnelles Einlenken fuhr ich über die Grenze. Weit kam ich aber nicht, denn ein hupendes UN-Auto raste hinter mir her und 2 Soldaten bremsten mich aus. Oh oh, jetzt gibt's Aerger! dachte ich herzklopfend. Freundlich aber streng fragten die beiden UN-Soldaten mich, was ich um himmelswillen in der UN-Buffer-Zone zu suchen habe! Nicht mehr so ueberzeugt schilderte ich mein Vorhaben.

Meine Nervositaet sank, als ich hoerte, wie die beiden sich über ihren unglaublichen Fund auf spanisch austauschten und beratschlagten, was sie mit mir anfangen sollten. Die beiden Argentinier überlegten, ob sie wohl Aerger bekommen, wenn sie mich samt Radel auf ihrem Pickup durch die Buffer-Zone kutschierten und an der Grenze absetzen. Nur wuerde ich dort ohne Identitaetskarte nicht reinkommen. Wir beratschlagten lang, studierten die Militaerkarte, aber der naechste Grenzübergang ist in Lefkosia. Das wuerde bedeuten, die ganzen Berge nochmal hochzuradeln.

Bei der Verabschiedung entschuldigten sie sich immer wieder und waren fassungslos, dass mich diese Route nicht verzweifeln liess. Der juengere Argentiner bedankte sich bei mir und meinte augenzwinkernd, dass das die unglaublichste Geschichte sei, die er nun von seinem 1jaehrigen Aufenthalt auf Zypern zu erzaehlen habe.

Und so gings wiedermal bergauf. Was mich dann aber richtig verzweifeln liess, waren meine tollen Lebensmittelvorraete, die ich in aller Eile am Abend noch ergattert hatte: eine Gepaecktasche voller Butterkekse, Schmelzkaese und Kaffee. Als ich nach 3 Tagen ganz unerwartet in ein richtig grosses Geschaeft mit riesiger Auswahl stolperte, schossen mir die Traenen in die Augen und ich musste mich zusammenreissen, dass ich nicht der naechsten Verkaeuferin um den Hals fiel, um ihr zu beteuern, dass dieses Geschaeft der Himmel auf Erden sei!

Lefkosia (Nikosia) ist die Hauptstadt von Zypern und durch eine Mauer geteilt. Unglaublich, das zu sehen. Nikolas, ein sympatischer griechischer Zypriot meinte dazu, dass es einfach unfassbar ist. In der ganzen EU gibt's keine Grenzen und auf dieser Insel ist eine Grenze und hat auch noch so eine bedeutende Rolle. Beide Seiten fordern eine Veraenderung, weil mit dieser Loesung alle ungluecklich sind. Aber eine vernuenftige Loesung muss wohl über Generationen wachsen.

Ich ueberschritt gluecklich die Grenze wieder in den tuerkischen Teil und radelte nach Girne. Eine Nacht vor Girne riess noch die Zeltstange: Fahrrad, Zelt und meine Wenigkeit rufen nach einer Pause und die goenn ich mir jetzt in Girne, bis der Bruno dort auftaucht!

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